
Orbis liegt im nördlichen Teil der Verbandsgemeinde Kirchheimbolanden, dicht an der Grenze zur Verbandsgemeinde Alzey. Orbis zählt zu den höchstgelegenen Ortschaften des Kreises. Das merken die Einwohner besonders im Herbst und im Winter, wenn die rauen und oft anhaltenden Stürme über die Gemarkung brausen. Die Höhenlage misst nämlich 330 Meter über dem Meeresspiegel. Etwas Schutz gegen die unangenehmen Westwinde bieten die im Westen und im Norden angrenzenden Waldungen. Ein Teil der im Westen liegenden Waldungen gehört der Gemeinde. Es handelt sich um 46 ha. Der übrige Wald ist Staatsbesitz. Da Orbis auf einem kleinen Bodensattel liegt, bildet es eine Wasserscheide. Quellen findet man im Westen und im Osten des Dorfes. Im Osten entspringt die Selz. Nach Westen sammeln sich mehrere kleine Rinnsale und fließen unterhalb der Hessenhütte zum Wiesbach zusammen. Im Wiesengrund wurde 1931 ein Badeweiher angelegt.
Die Bevölkerung von Orbis setzt sich aus Beamten, Angestellten, Arbeitern und Privatleuten zusammen. Ihre Arbeit finden sie in der näheren und weiteren Umgebung.
Der Name Orbis kommt uns etwas fremd vor, ist aber althochdeutsch und wird von dem Wort ‚Urmeiz‘, das bedeutet ‚Ausbau, Rodung‘ , abgeleitet. Wie sehr wahrscheinlich dies ist, belegt ein Blick auf die Landkarte. Sie zeigt Orbis als eine durch Rodung entstandene Einbuchtung im Waldgebiet. Diese Rodung erfolgte wohl Selzaufwärts und führte dann zu einer ersten Ansiedlung nahe der Selzquelle. Wie sich der Name des Dorfes im Lauf der Jahrhunderte veränderte sehen wir wie folgt:
1200 – 1209 Horbeiz, 1214 Orberz (lies Orbeiz)
1215 Orbez, Mitte des 13. Jahrhunderts Orbeiz,
1260 Urbis, 1280 Orbeitz, Orbes,
1323 Domina de Orbeiz, 1365 Ürbeyß,
1398 Orbeß, 1408 Erbeiß,
1416 Urbeß, 1421 zu Orwiße in dem Dorf und Marke,
1432 Urbis, 1494 Urbaß,
1497 Erbiß, 1490 Urbs,
1554 Urbess, 1560 Orbiß,
1575 Orbisheim, 1581 Orbissheim,
1824 Orbis.
Das Dorf ist im Lauf der Zeit, wie so viele andere auch, gewandert, es lag wahrscheinlich ursprünglich in der Umgebung der Selzquelle. Über den genauen Ursprung und die Entstehung der Ortschaft ist so gut wie nichts bekannt. Selbst die ältere und älteste Geschichte will sich nicht recht aufhellen lassen, da keine ausreichenden Urkunden zu finden sind. Aber einiges lässt sich doch sagen oder zumindest vermuten.
Schon lange vor der Völkerwanderung – zur Keltenzeit – müssen sich in diesem Raum Menschen aufgehalten haben. Ein Kilometer nördlich der heutigen Ortschaft, nämlich in der Nähe des Forsthauses Vorholz, sind im Wald einige Grabhügel entdeckt worden, die aller Wahrscheinlichkeit nach keltischen Ursprungs sind. An der Weed wurden ein Eisenbarren aus spätkeltischer Zeit und auf dem Ziegelacker, oberhalb der Selz, eine römische Münze und ein Glas gefunden.
Auf der Haide fand man einen in Marmor gemeißelten Römerkopf. Ob die Römer aber in dieser Gegend sesshaft waren oder nur zufällig durch kriegerische Ereignisse hierher verschlagen wurden, steht nicht fest. Als sicher darf aber angenommen werden, dass damals die gesamte Gemarkung noch von dichtem Wald bedeckt war. Die Entholzung der Gemarkung wird nämlich erst der Rodungstätigkeit der Mönche vom Rothenkircher Kloster im frühesten Mittelalter zugeschrieben.
Im Zeitalter der Karolinger und in den darauffolgenden Jahrhunderten dürften die Orbiser Waldungen den Mächtigen der damaligen Zeit als Jagdgebiet gedient haben. Ob jetzt schon Häuser im Selztal standen, ist noch immer nicht feststellbar. Sicherlich gehörte aber Orbis damals schon zum Einflussbereich des Königshofes Albisheim.
Die älteste urkundliche Erwähnung finden wir im Güterverzeichnis des Rheingrafen Wolfram. Weitere Einträge besagen, dass Werner III von Bolanden nach dem Tod seiner Ehefrau Guda 1196 dem Rheingrafen die Erträge von Gütern unter anderem in Orbez entzogen habe und, dass der Rheingraf nach dem Tod Werners III, 1198, Erbanspruch auf dessen Allodialbesitz in Orbis erhob. Rheingraf Wolfram war mit der Tochter Werner III von Bolanden verehelicht. Für das durch seine Frau eingebrachte Erbe beanspruchte er ¾ des Morschheimer und den ganzen Orbiser Zehnten. Diesen Zehnten behielt er allerdings nicht für sich, sondern trat ihn als Lehen an den Ritter Arnoldus Stranz von Morschheim ab, damit ihm dieser diene. Demnach zu urteilen, muss es sich um einen recht beachtlichen Zehnten gehandelt haben. Man kann daher annehmen, dass die Besiedlung der Ortschaft zu dieser Zeit schon der eines kleinen Dorfes entsprach. Die Bolander besaßen in Orbis damals auch eigene Güter (Allode). Nachdem Hildegard von Eppstein, die Frau Werners III, Schwiegermutter des Grafen Wolfram, verstorben war, beanspruchte dieser in der Mark von Orbis Grund und Boden. Dieses Orbiser Allod wird in einer Liste genannt, die der Rheingraf aufstellte. Es heißt dort, er verlange von seinen Schwägern Philipp von Falkenstein und Werner IV von Bolanden die Erbfolge in 67 Alloden mit deren Leibeigenen. Nun folgte die Aufzählung dieser Alloden. Als größte unter ihnen wurden solche genannt in Kirchheim, Morschheim und Orbis. In einem Lehensverzeichnis des Jahres 1250 wird dazu ausdrücklich nochmals bestätigt, dass die Herren von Bolanden Eigentum in Orbez besaßen.
Es wurde bereits erwähnt, dass die Rodungen des Waldlandes in diesem am Wald gelegenen Ort den Rothenkircher Mönchen zugeschrieben wird. Hatten die Herren von Bolanden hier aber ebenfalls größere Besitzungen, so dürften auch sie an den Rodungen maßgeblich beteiligt gewesen sein und somit die Trockenlegung des einst sumpfigen Selztales und die Umwandlung dieses Tales in brauchbare Wiesen vorangetrieben haben. 1260 war Werner V von Bolanden mit dem Zehnten in Orbis belehnt. Er trat dieses Lehen gegen entsprechende Dienste an Ritter Gernold von Einselthum ab. Auch dieser behielt das Lehen nicht lange. Es wanderte kurzfristig von einer Hand in die andere, und die Bauern von Orbis wussten bald nicht mehr, wer ihr rechtmäßiger Herr war. 1323 wird eine Domina ( Herrin ) de Orbis im Urkundenbuch des Zisterzienserklosters Otterberg als Grundbesitzerin genannt. Schließlich erwarben 1440 die Grafen von Nassau, die ihren Sitz in Kirchheim hatten und Erben der Bolander waren, durch Kauf die Gemarkung von Orbis. Dabei waren sicherlich nicht alle Gewannen, denn 200 Jahre später, 1613, wird von einem nochmaligen Kauf Orbiser Felder durch die Nassauer gesprochen. Uneingeschränkte Herren waren die Bolander in Orbis aber nicht. Das geht allein schon aus der Verteilung des Fruchtzehnten hervor. Dieser Fruchtzehnte wurde in 3 Teile geteilt. Nassau erhielt vom Korn, von der Gerste, vom Spelz und vom Hafer 2/3, das letzte Drittel gelangte in die Hände des Junkers Friedrich von Umstadt, wobei ihm zur Auflage gemacht wurde, davon jährlich 2 Malter Hafer dem Junker Friedrich von Flörsheim auf Randeck abzuliefern. Diese unüberschaubaren Besitzverhältnisse und Zehntanrechte wurden mit der Zeit noch weit verwickelter. So hatte Klöppel von Elkenhausen einen Zehnten zu Orbis in einem besonders eingesteinten Bezirk, nämlich ‚von der Leber an bis auf die Frankenstraße, von dannen auf die Kirchheimer Gemark und unten auf die Morschheimer Gemark‘. Dieser Zehnte brachte damals 12 Malter Hafer. In Orbis stand auch eine Sickinger Pfandschaft, welche 6 Pfund Heller (ungefähr 6 Mark) einbrachte, dazu 6 Malter Hafer, 12 Fastnachtshühner oder als Ersatz dafür 3 Albus pro Huhn, das heißt etwa 24 Pfennig. Auch Alzey besaß Rechte in Orbis. Es erhielt im Jahr einen Wagen Holz, sicherlich Brennholz.
Immer wieder hören wir, dass Hafer als Zehnt abgeliefert wurde. Insgesamt waren es jährlich 70 Malter bei nur 12 Inhabern von Hofstätten. Die gesamte Haferernte der Ortschaft betrug demnach 700 Malter oder 1190 Zentner. Sicherlich wurden auch Korn, Weizen, Spelze und Gerste angebaut, aber nur in geringen Mengen, die kaum unter den Zehnten fielen. Die übergroße Menge an angebautem Hafer gilt als Beweis verhältnismäßig später Rodung. Am Ende des 16. Jahrhunderts berichtete der nassauische Beamte wieder von einer anderen Verteilung des Zehnten. Der Zehnte wurde zwar immer noch in 3 Teile zerlegt, nun aber den von Leiningen/Hardenberg zwei Teile und die von der Leyen zu Wachenheim an der Pfrimm ein Teil. Eigentlich war Orbis auch Wallburg. Darüber hinaus waren außer den bereits oben erwähnten Kleinherren und der Sickingischen Pfandschaft noch andere Kleinherren mit geringfügigem Besitz vertreten. Im 16. Jahrhundert konnte sich die Herrschaft der Nassauer in Orbis weiter festigen. Sie waren aber immer noch nicht die Alleinherren. Allerdings oblagen ihnen die meisten Rechte. Die Herrschaft zu Kirchheim hatte Pfarrer zu setzen und zu entsetzen. Für den Geistlichen besaß sie in Orbis ein eigenes Pfarrhaus. Wo ein Pfarrhaus steht, muss auch eine Kirche vorhanden sein. Diese war eine Kaplaneikirche ‚St. Peter‘ und wurde 1214 als Filiale von Kirchheim von Kaiser Friedrich II dem Heilig Grab Kloster zu Speyer geschenkt. Der alte Friedhof lag um die heutige Kirche herum. Die Kirchheimer waren auch die Gerichtsherren und zogen die Strafgelder der Verurteilten ein, Gericht wurde aber in Orbis nicht gehalten, sondern in Morschheim. Erst wenn es dort zu keinem Urteilsspruch kam, lud man die Angeklagten vor das Herrschaftsgericht in Kirchheim.
Über das Amt des Glöckners durften die Nassauer nur mit Wissen des Grafen von Leiningen und des Freiherrn von der Leyen verfügen. Den Einwohnern von Orbis war es untersagt, aus den Waldungen Bauholz zu schlagen. Der Verkauf von Bauholz zählte damals bei den Grundherren als eine recht einträgliche Einnahmequelle, daher verlangte man auch von den Orbiser Untertanen, sie sollen ihr Holz in Kirchheim abholen oder anderswo kaufen. Brennholz konnte dagegen gesammelt oder geschlagen werden, aber nur soweit es die Not erforderte. Während der Heuernte hatten die einheimischen Bauern auf den Wiesen bei Dannenfels Frondienste zu leisten und das geerntete Heu nach Dannenfels einzufahren. Einen Bäcker hatte Orbis nicht, dafür aber ein allen Hausfrauen zugängliches Backhaus. Dieses Backhaus stand noch im Jahr 1550, brannte dann aber ab. An Benutzungsgeld erhielt die Kirchheimer Herrschaft 1 Gulden und 12 Albus pro Jahr. Die Backeseckstraße erinnert noch heute an das alte Backhaus. Um 1700 und später stand ein Backhaus an der Ecke Kirchheimer Straße und Oberwieserweg, heute Haus Demmerling-Knorr.
Die Reformation fand ihren Einzug in der Ortschaft verhältnismäßig spät. Als Luther seine Thesen 1517 zu Wittenberg mit Flugblättern veröffentlichte, unterstand Orbis mit dem größten Teil seiner Gewannen dem Herrschaftsbereich von Nassau-Weilburg. Ludwig von Nassau-Weilburg., ein treuer Anhänger der römisch-katholischen Kirche, ließ in seinen Gebieten keine religiösen Reformgedanken groß werden. Anders sein Sohn Philipp III. Er führte die neue Lehre im Nassauer Land ein und trat 1526 offen auf die Seite der Anhänger von Luther und Calvin. Es dauerte aber noch rund 30 Jahre, bis auch im Bezirk Kirchheim die reformatorischen Ideen Wurzeln schlugen. In dieser Zeit mussten sich auch die Orbiser dem religiösen Umschwung unterwerfen, zumal als Haupt der neuen Kirche der Fürst selbst auftrat und die Untertanen den Glauben des Herren anzunehmen hatten. Im Reformationszeitalter wurde in Orbis erstmals nachweislich Schule gehalten, wie der Ausdruck ‚so iszt Schulwies‘ bezeugt.
Der
Dreißigjährige Krieg verwüstete die Pfalz in unvorstellbarem
Ausmaße. Auch in Orbis hauste die Kriegsfurie mit aller Macht. Schon
1629 waren weder ein Pfarrer noch ein Lehrer in der Ortschaft. Die gesamte
Einwohnerschaft bestand nur aus 10 Haushaltungen und einem Schultheißen.
Im Ganzen zählte man 20 verfallene Häuser. Ein genaues Bild von
Orbis gibt uns der nassauische Amtskeller Ersamus Kramer in einem Bericht
kurz nach dem großen Krieg. Er schreibt: ‚Orbis ist das geringste,
letzte und ärmste zum Amt Kirchheim gehörende Dorf. Jetzt ist der
Hochgeborene Mein gnädiger Graf und Herr, allein Herr allhier, hat die
hohe Obrigkeit, Gebot und Verbot, Frevel, Frondienste und anderes allein‘.
Es scheint, der Krieg schuf in Orbis klare Besitzverhältnisse. In der
Nachkriegszeit fielen alle Rechte und Besitzungen an die Herrschaft von Kirchheim.
Das Zehntgut des Klöppels von Elkenhausen, gegen Kirchheim gelegen und
schon zur Zeit Werner V von Bolanden als Rodungsgut und um Besitz der Klöppel
genannt, erwarben die Kirchheimer als letztes 1652. Dieses letzte Fremdzehntland
ist den Klöppel durch die Nassauer enteignet worden, und zwar mit der
Begründung, die Klöppel hatten die Bestätigung des Lehens bei
Kurpfalz versäumt. Die nur zahlenmäßig geringen Einwohner
von Orbis waren allesamt blutarme Untertanen. Sie führten noch immer
kein eigenes Gericht, sondern gehörten in Gerichtssachen weiterhin zu
Morschheim. Ihnen wurde jetzt auch kein eigener Pfarrer mehr zugewiesen. Wer
in die Kirche wollte, musste nach Morschheim. Die Orbiser Kirche war im Krieg
abgebrannt.. Die Kinder wurden nach Morschheim in die Schule geschickt. Trotz
der Armut und der Not der Leute war die Herrschaft in Kirchheim hinsichtlich
der Zehntablieferung unnachgiebig. Sie verlangte jährlich: 1. Beete =
1 Gulden 19 Albus, 2. Atzgeld pro Kopf 1 Gulden, 3. Ungeld und Tranksteuer
wie in der Pflege Albisheim, 4. Fron und Botengeld wie im Amt gebräuchlich,
5. Martinszins 2 Gulden, 6. Zur Fastnachtszeit von jedem Hausgesäß
2 Hühner. In Orbis fehlten das fließende Wasser und eine Getreidemühle.
Das Getreide wurde in der Herrenmühle zu Bischheim gemahlen, d.h. insofern
überhaupt welches da war, denn in der zwar großen aber ungeschlachten
Gemarkung konnten die Bauern auch im 17. Jahrhundert meist nur Hafer anbauen.
Mit ihrem Wald hatte die kleine Gemeinde ebenfalls kein Glück. Das große
‚Gewäld‘ erstreckte sich gen Rothenkirchen, bestand aber
größtenteils aus Gesträuch und war daher nur zum Roden dienlich.
Hierzu schreibt der Kirchheimer Amtskeller: ‚Allhier hat mein
gnädigster Herr 2 Hofgüter, es waren dies der Rothenkircher Unter-
und Oberhof. Hüter des Waldes war ein nassauischer Förster. Das
Jäger- oder Försterhaus stand in Orbis‘.
Auch unter den kriegerischen Ereignissen ausgangs des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte Orbis schwer zu leiden. Im Jahr 1796 war die Ortschaft mit einer Kompanie französischer Kanoniere und einer Kompanie Stückknechte von zusammen 110 Mann mit 170 Pferden und außerdem noch mit 2 Kompanien Chasseuren zu Fuß (135 Mann und 6 Pferden) 23 Tage belegt. Die Einwohner mussten für den Unterhalt und die Verpflegung der Truppen und der Pferde sorgen, wobei manch letzte Kuh aus dem Stall geholt wurde. Dazu kamen noch zahlreiche Kriegsfahrten, die die Bewohner für die fremden Soldaten nach Mainz, Oppenheim, Alzey und Kaiserslautern zu leisten hatten. Außer den Naturalabgaben musste die Gemeinde noch große Geldabgaben entrichten. So zahlte sie im Jahr 1796 an Rationalgeld 294 Gulden und 24 Kreuzer, an Frongeld 30 Kreuzer, an Pfarrzinsen 200 Gulden und Pacht 25 Gulden. Dass dies für die arme Gemeinde äußerst hohe Leistungen waren, ist wohl leicht einzusehen, zumal Orbis zu jener Zeit nur 36 Haushalte zählte, darunter 25, die nur mit größter Mühe ihren Lebensunterhalt bei den damaligen Kriegsbedrückungen fristeten. Auch in den Befreiungskriegen blieb die Gemeinde von Einquartierungen nicht verschont. Russen und Kosaken waren hier längere Zeit mit voller Verpflegung untergebracht. Wie mögen die Leute da aufgeatmet haben, als endlich nach dem Friedensschluss normale Zeiten kamen und man wieder ungestört seiner gewohnten Arbeit nachgehen konnte.
Die napoleonischen Forstbeamten der umliegenden Waldungen hielten anscheinend treu zu Napoleon. Sie wollten dem Kaiser im Wald einen Gedenkstein setzen. Seine Aufstellung erfolgte aber erst viel später.
1797 erfolgte die Eingliederung der Pfalz nach Frankreich und 1798 die Zuordnung der Gemeinde zum Kanton Kirchheimbolanden. 1818 wurde Orbis Bestandteil des Landeskommissariats ( seit 1862 Bezirksamt ) Kirchheimbolanden, Landkreis im 1946 gegründeten Rheinland-Pfalz. In der Reform von 1969 eingegliedert in den Donnersbergkreis
(*1)Nach den Wirren der napoleonischen Zeit musste für Deutschland, ja sogar für große Teile Europas, eine Neuordnung geschaffen werden. Diesem Ziel diente der Wiener Kongress, dessen Beschlüsse etwa ein Jahrhundert gültig blieben. Alle Probleme konnten dabei nicht endgültig gelöst werden, da es zahlreiche Konflikte und Konkurrenzsituationen innerhalb der Teilnehmer gab.
Das galt auch für die Gebiete Mosel-Rhein bis französische Grenze, die man am 15.6.1814 unter die gemeinsame provisorische Verwaltung von Österreich und Bayern stellte. Es war klar, dass damit weder die Frage nach staatlicher Zuordnung noch die Verfassung noch die Beibehaltung französischer Rechte aus der Napoleonzeit beantwortet war.
Deshalb wirkte es geradezu befreiend, als im Vertrag von München am 14.04.1816 die heutige Pfalz Bayern übertragen wurde. Zudem spürte man durchaus eine pro-bayerische Stimmung.
(*2)Damit entstand die neue Provinz RHEINBAYERN. Der Name war allerdings nicht endgültig.
Am 1. Mai 1816 informierte man die Bevölkerung, ‚ dass König Maximilian I. Joseph Besitz von den Landesteilen auf dem Überrhein ergreife.‘ Die Nachricht wurde von den Kanzeln der Kirchen verlesen. ‚ Erst 1837 wurde im Rahmen einer Umbenennung aller bayerischen Kreise der Name KREIS PFALZ gewählt.‘
Die Pfälzer waren Bayern unter anderem auch deshalb wohl gesonnen, weil Maximilian I. Joseph ihnen zugleich die Beibehaltung ihrer Rechte, die sogenannten Institutionen, aus der Franzosenzeit zusicherte. So entstand ein Staatsgebilde, das in seiner ursprünglich bayerischen und pfälzischen Teilen eine völlig unterschiedliche Gesellschaftsstruktur aufwies.
Die Verteidigung dieser Rechte sowie ein gesundes Misstrauen gegenüber der Obrigkeit blieben stets Merkmale pfälzischen Denkens. Hierin ist auch ein Beweggrund für die Ereignisse von Hambach 1832 zu sehen.
Die Pro-Bayern-Stimmung hielt allerdings nicht sehr lange an. Die Hauptursache bildete die rapide Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage. Preisverfall für landwirtschaftliche Produkte, Missernten, Errichtung von Zollgrenzen bei der Ausfuhr von Tabak und Wein führten anstelle eines Fortschritts zum Rückschritt.
Bezeichnend dafür waren zahlreiche Holzdiebstähle – ein Kuriosum für ein derart waldreiches Land, wie die Pfalz es war und ist! Jeder 5. Pfälzer soll wegen diesen Delikts mit dem Gesetz in Konflikt geraten sein.
Im Orbiser Ortswappen weisen die zwei Tannen das Dorf als Waldort aus. Die Verhältnisse hier lagen nicht anders als in der übrigen Pfalz. Holzdiebstahl ‚leisteten‘ sich nicht nur die ärmeren Bevölkerungsschichten, die Wohlhabenderen opponierten damit gegen die staatlichen Restriktionen.
Das Jahr 1848, in dem überall in Deutschland die schwarzrotgoldene Freiheitsfahne wehte, machte sich auch in der hiesigen Gemeinde bemerkbar. Die Einwohner stellten Freischärler auf und übten sich in den Waffen, um den Feind der Demokratie niederzuschlagen, Peter Jakob Eitelmann aus Orbis, ebenfalls Freischärler, schloss sich in Baden dieser Organisation an. Unter den Freischärlern von Orbis befanden sich Karl Steuerwald, Adam Steuerwald und Martin Fuchs. Aber bald war der kühne Traum der freiheitlichen Denker vorbei und damit auch der Mut der Orbiser Freischärler. Als Fürsten und Könige ihre Truppen einsetzten, kam eines Tages ein Orbiser Freischärler keuchend von Morschheim gelaufen und brachte die Nachrichten: ‚Die Preußen kommen und schießen auch noch!‘ Die hiesigen Freischärler nahmen darauf hin Reißaus und zerstoben in alle Winde. Kurze Zeit später sprengte eine preußische Reiterei aus Richtung Vorholz und vom Oberwieserweg ins Dorf mit dem Ruf: ‚Habt ihr keine Freischärler gesehen?‘ Da sich keine Verräter fanden, mussten die Reiter unverrichteter Dinge weiter nach Kirchheimbolanden abziehen.
Im Krieg von 1870 – 71 zogen zahlreiche deutsche Truppen durch Orbis. Auch einheimische Männer mussten zu den Waffen greifen. Bei Friedensschluss gab es ein großes Freudenfest. Die zurückgekehrten Kriegsteilnehmer aus der Ortschaft wurden mit heller Begeisterung empfangen.
Orbis zählte bei Ausbruch des 1. Weltkrieges 460 Einwohner. Davon zogen 105 Männer in den Krieg. Demnach war fast jeder vierte Einwohner Soldat. Von den Ausgezogenen kehrten 20 nicht wieder.
In der Langstraße zu Orbis steht das heutige bäuerliche Anwesen Kemmer. Es unterscheidet sich in seinem Aussehen durch nichts von den übrigen Bauernhäusern dieser Straße und doch wurde von hier aus in der Nachkriegszeit für einige Monate die Geschichte der Pfalz diktiert. In diesem Haus wohnte der Bauer Heinz, bekannt unter dem Namen Heinz-Orbis.
Bald nach dem ersten Weltkrieg kam der elektrische Strom ins Dorf. Eine Lichtgenossenschaft wurde 1921 gegründet. 1957 wurde sie aufgelöst und das Ortsnetz an die Pfalzwerke verkauft.
(*3)In den Kriegsjahren 1941 –1945 lebten viele fremde Bewohner in Orbis. Sie kamen aus verschiedenen östlichen Ländern. In den Akten werden 8 Polen, 29 Russen und Ukrainer sowie 4 Ungarn genannt. Diese Personen wurden als ausländische Arbeiter geführt. Außer diesen Arbeitern gab es noch 9 russische weibliche, 15 ukrainische weibliche und 9 männliche Deportierte. Alle diese Leute arbeiteten in den landwirtschaftlichen Betrieben des Dorfes.
Im Oktober 1944 wurden in der Turnhalle zu Orbis 300 russische Kriegsgefangene der Wehrmacht untergebracht. Es wurde unter der Bezeichnung: Kriegsgefangenenstammlager XII F geführt, und von der 3. Kompanie des Landesschützenbataillon 433 bewacht. Die Einrichtung war als Erwachsenen-Kriegsgefangenen-Krankenrevier bezeichnet und mit TBC-Kranken belegt.
(*4)Bis zur Auflösung dieses Lagers verstarben insgesamt 42 Mann, die im alten und neuen Gemeindefriedhof beerdigt wurden. Sämtliche Verstorbene waren unbekannt. Seitens der deutschen Militärverwaltung wurden der hiesigen Gemeinde keinerlei Angaben über die Personalien gemacht. Eine Kennzeichnung der Gräber erfolgte daher nicht, so dass eine spätere Identifizierung nicht möglich war. Am 22.8.1950 wurden die Leichen exhumiert und in Särgen nach Mainz gebracht. Dort verliert sich die Spur, und der Ort der erneuten Beisetzung ist unbekannt.
Den zahlreichen Gefallenen und Vermissten errichtete die Gemeinde ein Ehrenmal auf dem alten Friedhof. Die dort eingemeißelten Namen zeugen von dem großen Blutzoll, den eine kleine Gemeinde der neuesten Geschichte brachte.
Am 21. März kam aus
nordöstlicher Richtung amerikanische Infanterie nach Orbis.
Sie durchsuchte das ganze
Dorf nach deutschen Soldaten. Es waren keine mehr hier zu finden, es gab keinen
Widerstand und wurde auch nicht geschossen. Die Panzersperren im Ort waren
nicht mehr bewacht, weil die älteren Männer, die hier eingesetzt
waren, sich nach Hause abgesetzt hatten. Die Amerikaner verließen nach
erfolgloser Durchsuchung wieder den Ort.
In den Tagen, bevor die
Amerikaner hierher kamen, war aus Richtung Offenheim-Ebersfelderhof Kanonendonner
zu hören. Eine rege Fliegertätigkeit versetzte die Menschen in Angst.
Die Beerdigung einer Frau wurde am 19. März auf den Abend verschoben
bis am Himmel Ruhe eingetreten war. Die Frau war Charlotte Steuerwald, geb.
Göhring, gestorben 17. 3. 1945. – Luftangriffe auf Orbis gab es
in diesen Tagen nicht. –
Im Januar 1945 wurden bei einem Bombenabwurf ein Haus und zwei Scheunen zerstört.
Menschen kamen dabei nicht ums Leben.
Im Nahen Wald lagerten
größere Bestände an deutscher Munition. Diese wurden von den
Amerikanern gesprengt. Auf einem Acker südlich vom Ort wurde Munition
zusammengefahren und dort gezündet.
In der Turnhalle Orbis waren gegen Ende des Krieges ca. 300 kranke russische
Kriegsgefangene untergebracht. Die Bevölkerung von Orbis nahm sich der
armen Menschen an und gab ihnen zu essen. In der Zeit starben 42 von ihnen
und wurden auf dem Friedhof in Orbis beerdigt. Wenige Tage bevor die Amerikaner
kamen wurden die marschfähigen Gefangenen in Richtung Rhein weggebracht.
Nur 28 Gehbehinderte bleiben zurück. Diese konnten frei herumlaufen.
Sie hätten die Dorfbewohner belästigen und die Häuser und Höfe
ausplündern können. Sie taten es nicht, vielmehr benahmen sie sich
sehr anständig und zeigten sich dankbar für die gute Behandlung
durch die Dorfbewohner. – Die gestorbenen Gefangenen wurden nach dem
Krieg wieder ausgegraben und auf einen Sammelfriedhof gebracht.
Tagebücher, Dokumente
sind keine bekannt
Auch das kulturelle Leben erwachte bald wieder. Der bereits seit 1857 bestehende Gesangverein nahm seine Tätigkeit erneut auf. Als Nachfolger des Turnvereins und Turnhallenvereins konstituierte sich der Kulturbund Orbis. Bald dachte man, auch daran, das Geläut der Kirche wieder zu vervollständigen. Zwei Glocken waren im 2.Weltkrieg ‚eingezogen‘ worden und sollten nun neu beschafft werden. Die Mittel dazu kamen durch eine Sammlung zusammen. Glockenweihe fand unter Teilnahme der gesamten Bevölkerung am 17. Mai 1953 statt.
Auch der Sport wurde bald groß geschrieben. Der Kulturbund rief eine eigene Sportabteilung ins Leben. Daneben bildete sich der Sportverein Orbis, ein Verein, der ausschließlich dem Rasensport huldigt und der sich am Vorholz einen schönen und idyllisch gelegenen Sportplatz in Eigenhilfe schuf. 1955/56 erhielt Orbis endlich seine Wasserleitung. Damit verschwanden auch die Wasserpumpen aus dem Dorfstraßenbild. Ursprünglich waren es 8 Pumpen, heute gibt es noch eine am Haus Günther im Zierweg. Ihre Brunnen wurden zugeschüttet. Das Wasser bezog die Gemeinde aus Quellen am Badeweiher. Dort steht auch die Pumpenstation. Am 30.1.1973 wurde das Dorf an den Wasserzweckverband angeschlossen.
Nach und nach wurden die Dorfstraßen erneuert und teilweise mit einem Bürgersteig versehen. Auch die Kirche konnte renoviert werden. Sie besitzt jetzt ein elektrisches Geläute. Die Turmuhr erhielt auch ein elektrisches Uhrwerk – das alte Uhrwerk aus dem Jahre 1893 kam in das Heimatmuseum Kirchheimbolanden.
Oktober 1961 wurde auf dem alten Friedhof mit viel Eigenleistung eine Leichenhalle gebaut.
Der Neubau einer katholischen Kirche wurde in den Jahren 1968/1969 zum größten Teil in Eigenleistung erstellt und 1970 unter großer Beteiligung der Bevölkerung eingeweiht worden.
1971 entstand im Westteil der Ortschaft mit dem ‚Zimmerplatz‘ das erste Neubauviertel. 1977 folgte das zweite im östlichen Teil ( Hofgarten ). 1992 wurde das erste Neubauviertel erweitert. Mittlerweile sind es im Westen drei neue Bauabschnitte ( Ochsenweide, Am Linnacker, Oberwieser Weg ).
Das alte Milchhäuschen an der Weede wurde aufgegeben und eine zentral gelegene, modern eingerichtete Milchsammelstelle geschaffen. Daneben steht die Lagerhalle der Raiffeisengenossenschaft. Diese Halle wurde 1997 von der Gemeinde erworben.
Das Kulturamt Worms konnte auch in Orbis die Flurbereinigung durchführen, die feuchten Felder durch Drainage entwässern, durch Waldabholzung Land gewinnen und den Bauern zusammenhängende Landstücke zuteile.
Am 3.10.1990 wurde zur Wiedervereinigung an der Turnhalle eine Linde gepflanzt.
Quellen:
Die
Erlebnisberichte (Informationen) wurden von ihm im Dorf gesammelt.
(*1)
150 Jahre Bezirksverband Pfalz 1816 –1966, Eine Dokumentation
von Karl Heinz, S.17f.
(*2) Karl Moersch: Geschichte der Pfalz, Von den
Anfängen bis ins 19. Jahrhundert, S.471 ff. Pfälzische Verlagsanstalt
GmbH Landau/Pfalz 1987
(*3)
Landesarchiv Speyer
(*4) Gemeindearchiv
Orbis
(*5) Heimatstelle
Pfalz des Bezirksverbandes Pfalz
(*6) Münzgutachten
von Dr. Peter Haupt, Institut für Vor- und Frühgeschichte, Graduiertenkolleg
‚Raum und Ritual‘, Johannes Gutenberg-Universität Mainz